Angela Lechner, Pflege-Beauftragte im Daimler-Konzern, im Interview

Frau Lechner spricht mit uns über die Möglichkeiten und Angebote für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die direkt oder indirekt von einer Pflegesituation betroffen sind.

Zum Pflegefall zu werden, ist für Betroffene und Angehörige oft sehr belastend. Physisch, psychisch und finanziell. Obwohl bereits heute statistisch gesehen jeder zweite Mann und drei von vier Frauen zum Pflegefall werden, glauben die meisten, dass sie dieses Thema nicht betrifft. Dabei ist es besonders wichtig, rechtzeitig vorzusorgen, um im Falle eines Falles abgesichert zu sein. Viele Kolleginnen und Kollegen wissen nicht, welche Möglichkeiten sie haben – vor allem innerhalb des Konzerns. Das betrifft nicht nur die Vorsorge, sondern auch den konkreten Pflegefall, weiß Angela Lechner, Ansprechpartnerin für das Thema Pflege im Konzern aus dem Global Diversity Office.

Frau Lechner, wann sind Sie das erste Mal mit dem Thema Pflege im Konzern in Berührung gekommen?

Das war zu meiner Zeit als HR-Business-Partner Anfang der 90er Jahre. Daimler bietet seit 1989 eine Betriebsvereinbarung mit der Möglichkeit, sich bis zu vier Jahre für Pflege freistellen zu lassen. Das heißt, bereits vor über 25 Jahren waren wir fortschrittlicher als die derzeitigen gesetzlichen Neuregelungen.

Dabei ist Pflege nicht gleich Pflege. Viele assoziieren damit die Betreuung älterer Personen. Aber einige unserer Kolleginnen und Kollegen haben zum Beispiel pflegebedürftige Kinder oder begleiten ihre Partner nach einem Unfall oder bei unheilbaren Krankheiten.

Bereits vor über 25 Jahren waren wir fortschrittlicher als die derzeitigen gesetzlichen Neuregelungen.

Wie erleben Sie die Kolleginnen und Kollegen, die mit einer Pflege-Situation konfrontiert sind?

Jeder, der in die Pflege von Angehörigen eingebunden ist, weiß, dass die Situation sehr belastend sein kann. Wenn Sie zum Beispiel morgens einen wichtigen Termin im Büro haben und sich Ihr Vater aufgrund von Demenz nicht anziehen lassen möchte, oder sie nicht wissen, ob Ihre Mutter den Herd ausgeschaltet hat, verursacht das Stress. Oder Sie sind aufgrund von Multipler Sklerose ihres Partners körperlich stark beansprucht.

Oft sind es Kolleginnen und Kollegen, die mitten in der Rushhour des Lebens sind. Die Kinder sind aufgrund ihres Alters betreuungsintensiv und parallel kommen zu pflegende Angehörige dazu. Die häufigste Familienkonstellation – der Vater in Vollzeit, die Mutter aufgrund von Kinderbetreuung in Teilzeit – führt dazu, dass eine weitere erforderliche Reduzierung der Arbeitszeit finanziell nicht zu stemmen ist. Zudem sind Behördengänge, Arztbesuche und das Zurechtfinden im Pflege-Dschungel sehr zeitintensiv.

Sie organisieren regelmäßig Veranstaltungen rund um das Thema Pflege. Was hat Sie dazu bewogen, sich so stark für das Thema einzusetzen?

Weil das Thema auch bei Daimler nicht mehr wegzudenken ist, wie folgende Fakten belegen:

  • Etwa 10 % unserer Kolleginnen und Kollegen in Deutschland betreuen Angehörige.
  • Die Anzahl von Anträgen auf T-Zug aufgrund von Pflege (Wandlung von Geld in Zeit) ist extrem hoch.
  • Das Durchschnittsalter unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, 44,3 Jahre, entspricht dem Durchschnittsalter von Beschäftigten in Deutschland in Pflegeverantwortung.

Wir möchten das Thema Pflege aus der Tabuzone holen und ansprechbar machen. Viele Beschäftigte trauen sich nicht, darüber offen zu reden, weil es ein stark emotionales Thema ist. Das Global Diversity Office bietet im Rahmen von „Working Culture“ seit längerem Informationsveranstaltungen zu Pflegethemen an.

Aufgrund der Teilnahme an einem EU-geförderten Projekt konnten wir letztes Jahr mehr als 50 Veranstaltungen für über 1.000 Teilnehmer anbieten und die Nachfrage ist nach wie vor enorm.

Der Konzern ist bereits aktiv, wenn es um die Pflege von Angehörigen geht. Welche betrieblichen Möglichkeiten haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aktuell?

Diversity bei Daimler bedeutet, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihren jeweiligen Lebenssituationen bestmöglich zu unterstützen, indem die individuellen Bedürfnisse und Interessen berücksichtigt werden.

Konkret kann es sich um Reduzierung der Arbeitszeit, geblockte Teilzeit, verstärktes mobiles Arbeiten oder auch um eine unbezahlte Freistellung für einen längeren Zeitraum handeln. Wir haben den Anspruch, im Rahmen unserer gesetzlichen und betrieblichen Möglichkeiten die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege mit verschiedensten Methoden, Programmen und Maßnahmen zu fördern.

Was bieten Sie in diesem Jahr zum Thema Pflege an?

Wir widmen uns auch 2019 intensiv dem Thema Pflege und gehen davon aus, dass wir ein neues EU-Projekt mit weiteren Veranstaltungen starten können. Zudem werden wir uns intern mit der Daimler BKK, dem Daimler Vorsorge und Versicherungsdienst und dem Bereich Health & Safety weiter enger vernetzen, um für Mitarbeitende mit Pflegeverantwortung Transparenz und zielgerichtete Informationen anbieten zu können.

Wir haben den Anspruch, die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege mit verschiedensten Methoden, Programmen und Maßnahmen zu fördern.

Was raten Sie ganz persönlich den Kolleginnen und Kollegen, wie sie sich mit dem Thema auseinandersetzen sollen?

Pflegethemen kommen oft völlig überraschend. Ein Schlaganfall, Sturz oder Unfall verändert plötzlich alles. Insofern ist es hilfreich, wenn man sich frühzeitig informiert und zumindest weiß, an welche Ansprechpartner man sich wenden kann.

Pflegethemen kommen oft völlig überraschend. Insofern ist es hilfreich, wenn man sich frühzeitig informiert.

Auch wenn es schwerfällt, im Büroalltag über Pflegesituationen zu sprechen, und viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter private und berufliche Angelegenheiten bewusst trennen, empfehle ich, das Umfeld und die Führungskraft zeitig einzubinden. Sollten Sie aufgrund Ihrer Pflegetätigkeit kurzfristig flexible Maßnahmen benötigen, sind die Team-Kolleginnen und -Kollegen und Vorgesetzte nicht völlig unvorbereitet.

Selbst wenn Sie vielleicht in Ihrem Team niemanden kennen, der in einer ähnlichen Situation ist: Sie sind nicht allein. Ein großes Plus in den Veranstaltungen ist der Austausch von Erfahrungen. Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die sich während ihrer Pflegejahre zu richtigen Pflegeexperten entwickelt haben und ihre Tipps gerne weitergeben.


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